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Warum wir Biodiversität brauchen

  • Benno Müller
  • 5. Dez. 2022
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Dez. 2022



"Warum brauchen wir überhaupt Biodiversität? Was ist denn so schlimm daran, wenn das abnimmt?" - so in etwa habe ich die Konversation mit der Expertin für Biodiversität in meinem Praktikum begonnen, während wir gewartet haben um Vertretern aus Wirtschaft und Politik unser Konzept für mehr Biodiversität am Standort vorzustellen. Ihre Antwort darauf: "Was hast du denn heute morgen alles gemacht?"

Es folgte ein kurzes Gespräch über unsere Abhängigkeit von funktionierender "Natur" in unserem Alltag, von Nahrung über Kleidung und Hygiene bis zur Freizeitgestaltung.


Dieses Gespräch hat mich motiviert, das oft zu kurz kommende oder missverstandene Thema Biodiversität näher zu beleuchten. Auch weil ich selbst etwas erschrocken war, dass ich trotz meiner Beschäftigung im Umweltbereich nie wirklich wusste, warum die Abnahme der Biodiversität problematisch ist.


Die Antwort lässt sich recht einfach herunterbrechen:

Die “Natur” liefert uns unverzichtbaren Nutzen. Biodiversität ist dabei essentiell für den Erhalt der Natur und damit deren Nutzen.


Um die Zusammenhänge und Konsequenzen besser zu verstehen werden wir im folgenden etwas tiefer in das Thema eintauchen.



Gliederung


4.1 Beispiel



1 Was sind Ökosysteme?


Um uns den Nutzen der “Natur” herzuleiten fangen wir mit ein wenig Hintergrundwissen an und werfen einen Blick auf Ökosysteme, was im vorherigen als “Natur” benannt wurde.


Ein Ökosystem beschreibt die Gesamtheit bestehend aus dem Lebensraum (dem sog. Biotop) und den darin vorkommenden Lebewesen (die sog. Biozönose). Ein einfaches Beispiel welches oft in der Schule gebracht wird ist das Ökosystem See: Der Lebensraum setzt sich zusammen aus nicht lebenden (abiotischen) Faktoren wie das Klima, der Wassertiefe, Salzgehalt und Bodenbeschaffenheit, die darin vorkommenden Organismen wie Algen, Fische, Krebse und Muscheln bilden die Lebensgemeinschaft. Die Beschaffenheit des Sees und die darin lebenden Organismen bilden gemeinsam das Ökosystem.

Schaubild Beispiel Ökosystem See, bestehend aus Biotop und Biozönose


2 Wie profitieren wir von Ökosystemen?


Der Nutzen von Ökosystemen leitet sich sehr anschaulich über die Ökosystemkaskade ab

Die Beschaffenheit eines Ökosystems bestimmt, was es kann - also welche Funktionen es erfüllt. Damit werden über die so genannten Ökosystemdienstleistungen Güter unterschiedlichster Art geschaffen, die der Mensch Nutzen kann, woraus ein gewisser (monetärer) Wert resultiert.

Für das Beispiel See könnte das konkret Bedeuten: Die Eigenschaften “Wassertemperatur und Pflanzenvorkommen” sind in dem See optimal, dass dort Fische leben und sich vermehren können. Die Funktion “gute Lebensbedingungen für Fische” führt zu großen Fischbeständen. Die Ökosystemdienstleistung “Fische als Nahrungsangebot” kann durch das fangen der Fische von Menschen nutzbar gemacht werden und erhält als Nahrungsmittel oder Ware einen (monetären) Wert.


Wie in dem Schaubild zu sehen ist, sind die Ökosystemdienstleistungen die Verbindung zwischen dem Ökosystem und dem menschlichen Nutzen. Für den Zusammenhang von Biodiversität und der damit verbunden Abhängigkeit sind sie von großer Bedeutung, weshalb ich jetzt etwas genauer darauf eingehen werde.



2.1 Ökosystemdienstleistungen

Der Nutzen, den Menschen aus einem Ökosystem ziehen und der somit direkt und indirekt zum menschlichen Wohlergehen beiträgt, wird als "Ökosystemdienstleistung" beschrieben. Man teilt diese Ökosystemdienstleistungen dabei in drei Kategorien ein:

Übersicht der drei Bereiche von Ökosystemdienstleistungen mit Beispielen

Bereitstellende Dienstleistungen

Grob zusammengefasst beschreiben die Bereitstellenden Dienstleistungen materielle Güter, welche das Ökosystem liefert. Darunter fällt zum Beispiel Nahrung (Pflanzenwachstum, Fischbestände, Bestäubung, ...), Rohstoffe (Holz, Arzneimittel, Fasern, ...) oder auch sauberes Wasser und saubere Luft durch natürliche Filtration.


Regulierende Dienstleistungen

Die regulierenden Dienstleistungen sind schon etwas abstrakter. Dabei geht es um die Verhinderung von negativen Extremen. Ein funktionierendes Ökosystem kann vor Hochwasser, Erosion oder Erdrutschen schützen, die Lärmbelastung reduzieren und das (Mikro-)Klima regulieren.


kulturelle und spirituelle Bedeutung

Ökosysteme bieten auch auf schwer quantifizierbare Art einen Nutzen, beispielsweise die Schönheit an sich, als Erholungsgebiet oder jegliche kulturelle oder spirituelle Bedeutung eines Naturraums.


Es gibt sehr verschiedene Ökosysteme mit unterschiedlichsten Eigenschaften und Größen, und damit auch diversen Funktionen und Dienstleistungen.


2.2 Zwischenfazit:

Durch ihre Beschaffenheit und Funktionen bringen uns Ökosysteme einen Nutzen, auf den wir angewiesen sind.



3 Was ist Biodiversität?


Biodiversität bezeichnet die Vielfalt aller lebenden Organismen, Lebensräume und Ökosysteme. Dabei umfasst der Begriff folgende Hauptgebiete:


  • Die Vielfalt unterschiedlicher Arten sowie die Vielfalt innerhalb einer Art (taxonomische Diversität)


  • die genetische Vielfalt innerhalb einer Art sowie aller Organismen eines Lebensraums (genetische Diversität) ("wie viele verschiedene Individuen einer Art gibt es?")


  • Vielfalt an Biotopen und Ökosystemen sowie den Ökosystemfunktionen (ökologische und funktionale Diversität)


3.1 Vernetzung im Ökosystem

Nun ist wichtig zu verstehen, dass die Lebewesen nicht einfach isoliert für sich leben, sondern dass es zwischen den einzelnen Arten und auch dem Lebensraum an sich eine Vielzahl von Abhängigkeiten und Verbindungen gibt. Ein bekanntes Beispiel ist die Nahrungskette, die Teil der Stoffkreisläufe ist. Die einzelnen Verbindungen kann man sich auch als ein Netz vorstellen, bei denen die Organismen die Knoten und die Abhängigkeiten die Verbindungen sind.


Beispiel der Abhängigkeiten verschiedener Arten anhand des Nahrungsnetzes im Ökosystem

Aufgrund dieser Vernetzung kann eine Kettenreaktion erfolgen. Verschwindet eine Art und deren Job im System wird nicht gemacht, geraten die davon abhängigen Arten auch unter Druck und sterben eventuell aus.

Beispiel in der Nahrungskette: wenn die Pflanzen nicht mehr wachsen, finden die Pflanzenfresser keine Nahrung und sterben, wodurch die Räuber keine Beute mehr finden und sterben auch.

Das kann so weit gehen, dass irgendwann das gesamte System nacheinander zusammenbricht. Das Ökosystem verliert damit seine Funktionen und kann die Ökosystemdienstleistungen nicht mehr erfüllen. Der Nutzen für den Menschen bricht weg.



3.2 Zwischenfazit:

Biodiversität beschreibt die Vielfalt von Arten, von Individuen innerhalb einer Art und von Ökosystemen. Das verschwinden eines Bestandteils kann durch die engen Verbindungen und Abhängigkeiten über eine Kettenreaktion zum Verlust der Ökosystemdienstleistungen führen.



4 Diese Rolle spielt die Biodiversität


Nun können wir zum Kern der Antwort.

Wir haben verstanden, dass Ökosysteme Funktionen haben, die uns essenziellen Nutzen liefern. Wir haben auch verstanden, dass Ökosysteme aus dem Lebensraum und den darin vorkommenden Lebewesen bestehen. Weiterhin wissen wir jetzt, dass die einzelnen Bestandteile eines Ökosystems eng miteinander vernetzt sind und sich Veränderungen damit auf das ganze System ausbreiten können.


Wie bereits beschrieben kann das Aussterben einer Art zu einer Kettenreaktion führen, wenn der Job der freien Stelle im System nicht erfüllt werden kann. Und genau da kommt die Biodiversität ins Spiel:

Eine hohe Biodiversität erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass offene Stellen übernommen und/oder neu besetzt werden, wodurch die Arbeit weiter geleistet werden kann. Somit bleibt das System intakt und funktional. Die Biodiversität leistet somit einen entscheidenden Beitrag zum erhalt der Ökosysteme und damit der Ökosystemdienstleistungen.


Wichtig ist in diesem Zusammenhang der Begriff "Resilienz". Er beschreibt, wie gut sich an Veränderungen angepasst und damit fortbestanden werden kann.


4.1 Beispiel:

Auf einem Feld mit Blumen, Nutzpflanzen und Obstbäumen gibt es 5 Bienenarten, welche die Pflanzen bestäuben. Durch die Bestäubung bilden sich Früchte, welche als Nahrung dienen und die Pflanzen vermehren sich.

Stirbt eine Bienenart aus, werden nun einige Pflanzen nicht bestäubt. Die übrigen 4 Arten können das im Netz entstandene Loch nur wenig füllen, weshalb weniger Pflanzen bestäubt und weniger Früchte gebildet werden. Durch das geringere Nahrungsangebot der Früchte können nun auch weniger Tiere überleben, welche sich davon Ernähren usw. Die Kettenreaktion nimmt ihren lauf, da ein Loch im System entstanden ist und der Job nicht ausgeübt wird.


Stellen wir uns nun einmal vor, wir hätten nicht nur 5 Bienenarten, sondern 10 und zusätzlich noch Schmetterlinge, Fliegen und Käfer, welche auch Bestäubung betreiben. Stirbt nun eine Bienenart aus ist es viel wahrscheinlicher, dass die Hinterlassene Arbeit von der Vielzahl an anderen Organismen übernommen wird, was die Auswirkungen auf das Gesamtsystem deutlich abfedern.

Verbildlichung der erzeugten Resilienz durch eine hohe Biodiversität. Während in Szenario 1 der gesamte Kreislauf beim Wegfallen des Insekts gefährdet ist, können in Szenario 2 die anderen Arten die Aufgabe übernehmen und die Lücke füllen


5 Zusammenfassung


Eine hohe Artenvielfalt erhöht die Resilienz der Systeme, sie können sich also besser an Veränderungen anpassen und bleiben erhalten.

Mit abnehmender Biodiversität wird die Natur demnach immer anfälliger für Veränderungen und Druck, was zum Verlust des unverzichtbaren Nutzens für den Menschen führen kann. Wir sind aber besonders jetzt auf eine hohe Biodiversität angewiesen, damit die Ökosysteme der Erde die rapiden Änderungen der Umwelt überleben und bestehen bleiben, damit wir Menschen eine Basis zum Leben haben.


Biodiversität ist das Fundament zum Erhalt der Ökosysteme und deren Nutzen, von dem wir abhängig sind.

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