Kompensation ist nicht die Lösung! Warum nutze ich es trotzdem?
- Benno Müller
- 5. Dez. 2022
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 19. Dez. 2022

Widmen wir uns heute mal einem etwas kontroverserem Thema: CO2-Kompensation. Was steckt dahinter, wie wird es eingesetzt und warum steht das teilweise in der Kritik?
Gliederung
3.1 Negativbeispiel
3.2 Positivbeispiel
5. Ausblick
1 Was bedeutet CO2-Kompensation?
Grundsätzlich wird mit der CO2-Kompensation eine Methode beschrieben, mit der verursachte Treibhausgas(THG)-emissionen (rechnerisch) ausgeglichen werden. Die Idee dahinter ist, dass mit finanziellen Mitteln Projekte unterstützt werden, welche irgendwo anders auf der Welt den Ausstoß von THGs verhindern oder diese aus der Atmosphäre entfernen. Diese Menge an "verhinderten" Emissionen können dann demjenigen, der sie bezahlt hat, zugeordnet und in die Gesamtbilanz negativ mit eingerechnet werden.
Kleines Beispiel zum veranschaulichen:
Firma X verursacht jährlich 100 t CO2eq. Wenn Firma X nun Geld zur Verfügung stellt, um in Indien Solaranlagen zu bauen, wodurch bei der Stromerzeugung 30t CO2eq gespart werden und zusätzlich noch Aufforstungsprojekte in Südamerika unterstützt, welche 10 t CO2eq aus der Atmosphäre ziehen, kann Firma X diese Mengen von ihrer Bilanz abziehen. Demnach kann Firma X am Ende behaupten, ihr CO2-Fußabdruck würde bei 100t - 30t - 10t = 60t CO2eq liegen. (CO2 eq ist die Summe der Treibhauswirkung aller Gase, mehr dazu hier).

Zur Anwendung kommen solche Kompensationen oft im Zusammenhang mit Aussagen zur eigenen Klimaneutralität von Firmen, Produkten oder Dienstleistungen. Wie auch bei der Fußball WM in Katar.
2 Was sind die Schwierigkeiten?
2.1 Berechnungs- und Datengrundlage
Zum einen liegt es in der Natur solcher berechneten Bilanzen, dass dort unter Umständen ein verzerrtes Bild entstehen kann. Je nach getroffenen Annahmen, Faktoren und Methodiken können bei gleichem Untersuchungsgegenstand unterschiedliche Ergebnisse entstehen. Genauso ist es möglich, die Werte für die kompensierte Menge an THGs der Projekte sehr optimistisch darzustellen.
2.2 Art der Kompensation
Es gibt viele verschiedene Wege THG-Emissionen zu vermeiden oder aus der Atmosphäre zu ziehen. Am bekanntesten ist hier das weit verbreitete Pflanzen von Bäumen oder das Installieren von erneuerbaren Energien.
Anlagen zur Erzeugung von Grünstrom ersetzen zum Teil den Strom, der aus fossilen Energieträgern gewonnen wurde. Damit verhindern sie einen Ausstoß von CO2, welcher dann als kompensierbare Menge angerechnet wird. Gleichzeitig stellen erneuerbare Energien eine Technologielösung für aktuelle Herausforderungen dar, weshalb es auch eine Investition in das System der Zukunft ist.
Alle Methoden haben ihre Vor- und Nachteile, und alle haben ihre Fans und Widersacher. Ich möchte auf die Aufforstung kurz näher eingehen, da diese viel angewendet wird.
Pflanzen nehmen bei der Photosynthese CO2 auf und binden den Kohlenstoff (C) in ihren Körpern. Diese Menge an CO2, welches von den Pflanzen aufgenommen und gespeichert wird, wird gutgeschrieben. Nun treten aber einige Probleme dabei auf. Mit das Hauptargument ist, dass die gespeicherten Mengen an CO2 wieder freigesetzt werden können. Nach dem Motto "Wer garantiert, dass der Wald in 20 Jahren noch steht?" kann deshalb durch Absterben oder Brände die ganze positive Wirkung zunichte gemacht werden, während in den Bilanzen weiterhin der (nicht mehr vorhandene) positive Effekt bestehen bleibt. Weiterhin ist es schwer den wirklichen benefit der Pflanzen zu bestimmen, die die aufgenommene Menge CO2 von vielen Faktoren abhängig ist. Auch ist das richtige Pflanzen von Bäumen recht komplex. Einfach Monokulturen irgendwo anzulegen ist nicht sehr förderlich, da sie eine geringe Biodiversität und geringe Resilienz aufweisen. Bei der Aufforstung ist zu beachten heimische Arten zu nutzen, Vielfalt hereinzubringen und das Ökosystem sinnvoll aufzubauen. Auch soziale Aspekte sind sehr wichtig in diesem Zusammenhang. Kompensationsmaßnahmen müssen in Zusammenarbeit mit der heimischen Bevölkerung passieren, um ein langfristiges bestehen und Erfolg der Maßnahme zu festigen. Auch kann dadurch weiterer Mehrwert geschaffen werden, wenn bspw. die gepflanzten Bäume als Nahrungsquelle der dortigen Menschen dienen und sozioökonomische Vorteile bieten. Ecosia hat dazu eine gute Zusammenfassung gemacht. Andersherum kann die CO2-Kompensation in anderen Teilen der Erde zu Landraub führen, das Wort "CO2-Kollonialismus" kommt immer wieder auf. Dass Industrienationen nun andere Länder nutzen um ihre Emissionen ausgleichen, indem Flächen im Ausland bewaldet werden anstatt im eigenen Land Verbesserungen anzustreben wird damit beschrieben. Zusammen mit dem Umstand, dass Aufforstung nicht zur Reduktion von Emissionen beiträgt kommen wir zum nächsten und meiner Meinung nach wichtigsten Punkt:
2.3 Umgang mit Kompensation
Die oberste Priorität sollte das Verringern und Vermeiden von Emissionen sein, Umweltbelastungen sollten erst gar nicht entstehen. Die verursachten Emissionen haben eine örtlich, Zeitlich und sozial andere Wirkung als die Kompensation. Auch weil bei den Kompensations-Zertifikaten nur CO2 betrachtet wird, während z.B. bei der Verbrennung neben CO2 auch noch andere Schadstoffe wie Feinstaub Stickoxide oder Schwefeloxide entstehen, die von der Kompensation nicht wirklich erfasst werden. Wenn eine Fabrik dieses Jahr dazu beiträgt die Luft in einer Stadt zu verschmutzen bringt es für diese Stadt recht wenig, wenn dafür woanders auf der Welt ein paar Bäume stehen, die in den nächsten Jahrzehnten die Luft reinigen.
Ich will zum Thema Kompensation deshalb deutlich klar machen, dass Kompensationszertifikate nicht als "moderne Ablassscheine" benutzt werden dürfen. Einfach Geld für Kompensation ausgeben und alle Probleme existieren nicht mehr ist nicht das Ziel. Die Emissionen entstehen trotzdem und wirken wie oben beschrieben anders als die Maßnahmen sie ausgleicht.
3. Zwischenfazit zu Kompensationen
Ich habe jetzt sehr negativ zu Kompensation berichtet. Das mache ich hauptsächlich, damit mit Kompensation bewusst und verantwortungsvoll umgegangen wird. Es soll wie gesagt kein "reinwaschen der Sünden" sein, sondern ein Werkzeug im Baukasten der Klimaneutralität, welches für bestimmte Zwecke zum Einsatz kommt. Der Vorteil von Kompensation ist eine schnelle und kurzfristige Lösung und das fördern von klimafreundlichen Maßnahmen auf der ganzen Welt.
Die CO2-Kompensation hat für mich also unter gewissen Umständen einen sinnvollen Gebrauch, vor allem zum Ausgleichen der schwer oder nicht zu vermeidenden Emissionen.
Zur Veranschaulichung zwei Beispiele:

3.1 Negativbeispiel: Die Fußball WM in Katar 2022
Die FIFA und die Veranstalter rühmen sich mit der Aussage, die Veranstaltung wäre die erste klimaneutrale Weltmeisterschaft. Doch Kritik gibt es von allen Seiten. Angefangen mit einer "kreativen" Berechnung startet die CO2-Bilanz des Mega-Events. So wurde die Umweltbelastung des Stadionbaus durch eine sehr lange Nutzungsdauer der Stadien geteilt. Die dazu vergleichsweise kurze Dauer der WM führt dann dazu, dass nur ein kleiner Teil dieser Emissionen der WM angerechnet werden. Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass die Stadien nicht so weitergenutzt werden wie in der Berechnung angegeben, wodurch die WM in der Bilanz viel zu wenig Emissionen zugeschrieben bekommt. der Zweite große Kritikpunkt ist die Mobilität. In der Berechnung wird von vielen recht kurzen Wegen der Fans zu den Stadien ausgegangen. In der Realität hat Katar aber nicht so viele Hotelkapazitäten, weshalb viele Menschen mit dem Flugzeug aus benachbarten Ländern zu den Stadien pendeln werden. Flüge sind nochmal ein exorbitanter Unterschied zu Bussen oder Zügen, weshalb auch hier in der Bilanz weniger Emissionen auftauchen als real vermutlich verursacht werden. Gestartet mit dieser irreführenden Bilanz und einem CO2-Fußabdruck von über 3 Millionen Tonnen CO2 geht es nun zum Trick der klimaneutralen WM: Es werden einfach massig an CO2 Zertifikaten gekauft, sodass rein rechnerisch am Ende eine Null steht und die WM quasi nicht stattgefunden hat. Wie gesagt ist dieses Rechnen nicht gleichzusetzten mit "alle Schäden wurden vollkommen negiert, als wenn sie nicht aufgetreten wären". Auch sind die von Katar gekauften Zertifikate wohl von geringer Qualität und deren Nutzen und Kompensationswirkung ist zweifelhaft.
Das war ein Beispiel, wie durch schöne Berechnungen und "Ablasshandel" mit Kompensationszertifikaten ein Image reingewaschen werden soll, es praktisch aber nicht so viel bringt wie angepriesen.
3.2 Positivbeispiel:
Richtig eingesetzt werden können Zertifikate z.B. auf diesem Weg: eine Firma möchte klimaneutral Produzieren und das auch kommunizieren. Um Greenwashing-Vorwürfe auszuschließen macht sich die Firma Gedanken, und handelt nach einer Maßnahmenhierarchie: Weniger Energieverbrauch, mehr regenerative Eigenerzeugung, mehr Strombezug von erneuerbaren Energien und als letztes die Kompensation nicht oder schwer zu vermeidbaren Emissionen, die auf einen bestimmten Betrag festgesetzt ist (z.B. 10-15% der Gesamtemissionen). Somit wird sichergestellt, dass die machbaren großen Hebel zur Reduktion bevorzugt umgesetzt werden und die Kompensation nur den letzten Schritt zur Klimaneutralität ermöglicht.
4. Mein persönlicher Umgang
Ich selber benutze Kompensation für mich privat schon seit Mitte 2021. Es gibt verschiedene Wege und Anbieter für eine persönliche Klimaneutralität, abhängig vom Lebensstil. Ich habe mich am Ende für Wren entschieden, weil diese viele verschiedene Projekte fördern, was ich für sinnvoller halte als nur Aufforstung oder Solarpanels. Ich zahle einen monatlichen Betrag, mit dem diese Projekte finanziert werden. Das läuft folgendermaßen ab: Erst werden mit einigen Fragen zu deinem Lebensstil dein CO2-Fußabdruck geschätzt. Anschließend kannst du auswählen wie viel du davon kompensieren möchtest und welche Projekte unterstützt werden sollen. Abhängig von deiner Auswahl zahlst du monatlich deinen Beitrag.
Mein CO2 Fußabdruck wurde auf 9,8 t CO2eq pro Jahr geschätzt, von denen ich 125% über einen von Wren vorgeschlagenen Mix an Projekten kompensiere. Dafür zahle ich 26,04€ monatlich.

Wie gesagt soll ein solcher Betrag nicht dazu veranlassen, andere Bemühungen sein zu lassen. Ich habe mich für eine Kompensation entschieden, weil ich es besser finde als nichts zu tun.
5. Ausblick
Das Thema ist wie alles natürlich in der Tiefe viel komplexer und diversifizierter. Es gibt ganz unterschiedliche Argumente für und gegen Kompensation, verschiedene Arten an Maßnahmen und deren Überprüfung, Diskussion um die Preise und vieles mehr.
Ich hoffe es hilft trotzdem als kleiner Einblick, wo das Sinn macht, was es zu beachten gibt und woher die Kritik rollt.



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